documenta fifteen mit sofortiger Wirkung schließen

Ich veröffentliche hier meine minimal redigierte Email vom 20.06.2022 an die Geschäftsführung und die Kommunikationsabteilung der documenta fifteen aus Anlass des heute bekannt gewordenen, eindeutig antisemitischen Kunstwerkes des Kollektivs Taring Padi.

Sehr geehrte Frau Dr. Schormann,
sehr geehrte Frau Köhler,
sehr geehrtes documenta-Team,

obwohl ich keineswegs vom Konzept dieser documenta überzeugt war und auch die Diskussion um mögliche antisemitische Haltungen irritierend fand, wollte ich dennoch die documenta 15 besuchen, um mir selbst ein Bild zu machen.

Dies hat sich nun definitiv erledigt, nachdem das „Kunstwerk“ von Taring Padi enthüllt ist und in erschreckender Weise den Ungeist und die Unkultur dieser documenta gröhlend sichtbar macht.
Was ganz besonders beschämend ist, ist die Tatsache, dass Sie die Diskussionsrunden zum Antisemitismusvorwurf abgesagt hatten und damit sicherlich deutlich machen wollten, dass alle Vorwürfe keinen Bestand hätten.
Ihre Verantwortung wäre es daraufhin gewesen, dafür zu sorgen, dass tatsächlich keine antisemitischen und rassistischen Haltungen zu sehen sein werden. Dieser Verantwortung sind Sie nicht gerecht geworden, wie man sieht.

Es wäre also an der Zeit, zurückzutreten. Doch vor dem Rücktritt wäre noch eine Handlung zu vollziehen: Die Schließung dieser documenta mit sofortiger Wirkung.
Nur das könnte die documenta für die Zukunft noch retten. Ansonsten ist diese Veranstaltung für die Zukunft tot.

Ich jedenfalls werde diese documenta – obwohl ich bisher ab meinem bewussten Kunstinteresse kaum eine verpasst habe – boykottieren.

Mit beschämten und peinlichst berührten Grüßen

J.Georg Brandt

Update 20.06.2022, 21:59 Uhr:

Laut sueddeutscher.de sollen Teile des „Kunstwerkes“ abgedeckt werden.

Ein beredtes Zeichen von erschreckender Inkompetenz hinsichtlich ästhetischer Strategien, obwohl doch Kunst- und Kulturwissenschaftler:innen die Regie führen sollen …:
Was vormals sichtbar war und dann unsichtbar gemacht werden soll, macht das Unsichtbare umso offensichtlicher (wie selbst kunstferne Personen wissen).

Maßstab einer solchen Aktion dürfte die Ausstellung „Kunst bleibt Kunst“ (1974) bleiben, in der Hans Haacke die Besitzer:innen und die entsprechenden Preise des Erwerbs in den historischen Kontexten des Stilllebens „Spargelbündel“ (1880) von Manet öffentlich machen wollte. Daniel Buren hat die Arbeit aufgegriffen, da die Arbeit von Haacke aus der Ausstellung ausgeschlossen wurde. Über Nacht wurde die Arbeit vom Generaldirektor der Kölner Museen dann „unsichtbar“ gemacht, indem Papier über die Arbeiten geklebt wurde (S. 24-25).
Mehr Sichtbarkeit konnte die Arbeit nicht erlangen durch diese „Unsichtbarmachung“.

Dass das Kurato:innenteam und die Geschäftsführung sowie Direktorin der documenta fifteen kein kunsthistorisches und kulturwissenschaftliches Grundverständnis – und offensichtlich keine Kenntnis der neueren Kunstgeschichte – haben, ist erschütternd und zeugt von einer erheblichen Inkompetenz hinsichtlich aisthetischer und politischer Prozesse. Daniel Buren hat in dieser Ausstellung 1974 hinsichtlich des Vorganges deutlich gemacht: „Kunst bleibt Politik“.

Es wäre sehr wünschenswert, würde die Leitung der documenta kunstwissenschaftliche, kunsthistorische, kulturwissenschaftliche und politische Kriterien, so sie denn diese kennen würden, in ihre Entscheidungen einfließen lassen. Da diese Kenntnisse offensichtlich nicht vorhanden sind, sollte das gesamte Team anderen, kompetenteren und kultur- sowie antisemitismus- und rassismussensibleren Personen den Vortritt lassen.