{"id":433,"date":"2017-04-02T14:19:49","date_gmt":"2017-04-02T13:19:49","guid":{"rendered":"http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/?p=433"},"modified":"2021-01-22T08:12:18","modified_gmt":"2021-01-22T07:12:18","slug":"every-human-light","status":"publish","type":"post","link":"http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/?p=433","title":{"rendered":"every human light"},"content":{"rendered":"<p><strong>every human light<\/strong><\/p>\n<p>Blindenschrift, Bleisatz, Linotype-Offsetdruck, Stimmen, Video<\/p>\n<p><strong>Handlungsanweisung<\/strong><\/p>\n<p><strong>I:<\/strong><br \/>\nSchlie\u00dfen Sie die Augen.<\/p>\n<p><strong>II:<\/strong><br \/>\nLegen Sie Zeige- und Mittelfinger der linken Hand auf das linke geschlossene Auge und Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand auf das rechte geschlossene Auge.Erzeugen Sie Druck auf die unter den Augenlidern verborgenen Aug\u00e4fpel.<\/p>\n<p><strong>III:<\/strong><br \/>\nKonzentrieren Sie sich auf das, was Sie sehen.<\/p>\n<p><strong>IV:<\/strong><br \/>\nDie Lichtpunkte, die Sie sehen werden, erzeugten Sie selbst.Es ist Ihr pers\u00f6nliches Licht.<\/p>\n<p><strong>V:<\/strong><br \/>\nDieses Licht k\u00f6nnen alle Menschen, gleich ihres Geschlechts, ihrer Abstammung, ihrer Rasse, ihrer Sprache, ihrer Heimat und Herkunft, ihres Glaubens, ihrer religi\u00f6sen oder politischen Anschauungen oder ihres sozialen Status&#8216; erzeugen.<\/p>\n<p>J.Georg Brandt<\/p>\n<figure id=\"attachment_437\" aria-describedby=\"caption-attachment-437\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/?attachment_id=437\" rel=\"attachment wp-att-437\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-437\" title=\"every human light - Blindenschrift\" src=\"http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/wp-content\/uploads\/human_light_blindenschrift1-300x246.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"246\" srcset=\"http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/wp-content\/uploads\/human_light_blindenschrift1-300x246.jpg 300w, http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/wp-content\/uploads\/human_light_blindenschrift1.jpg 310w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-437\" class=\"wp-caption-text\">every human light &#8211; Blindenschrift (Foto: J.Georg Brandt)<\/figcaption><\/figure>\n<figure id=\"attachment_438\" aria-describedby=\"caption-attachment-438\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption aligncenter\"><a href=\"http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/?attachment_id=438\" rel=\"attachment wp-att-438\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"size-medium wp-image-438\" title=\"every human light - Ausstellungsansicht\" src=\"http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/wp-content\/uploads\/human_light_instview_kunsthaus-300x246.jpg\" alt=\"\" width=\"300\" height=\"246\" srcset=\"http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/wp-content\/uploads\/human_light_instview_kunsthaus-300x246.jpg 300w, http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/wp-content\/uploads\/human_light_instview_kunsthaus.jpg 310w\" sizes=\"auto, (max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><\/a><figcaption id=\"caption-attachment-438\" class=\"wp-caption-text\">every human light &#8211; Ausstellungsansicht (Foto: J.Georg Brandt)<\/figcaption><\/figure>\n<p style=\"text-align: center;\"><a href=\"http:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/wp-content\/uploads\/every_human_light_handlungsanweisung_klang.wav\">every human light &#8211; Gesprochene Handlungsanweisung<\/a><\/p>\n<p style=\"text-align: center;\">\n<p><strong>Katalogtext<\/strong><\/p>\n<p><strong>\u00a0<\/strong><\/p>\n<p>Die Arbeit every human light (2001) von J.Georg Brandt pr\u00e4sentiert sich in denkbar komprimierter Form. Eine Handlungsanweisung[1] wird in drei Speicherversionen transportiert: auf wei\u00dfem, lichtbest\u00e4ndigem Papier in Bleisatz, als Pr\u00e4gedruck in Blindenschrift und digital aufgezeichnet als gesprochener Text.<\/p>\n<p>Die speziell f\u00fcr die Ausstellung personal light konzipierte Arbeit ist als grenz\u00fcberschreitendes Modell zu verstehen. Zentral ist die Thematisierung eines sowohl pers\u00f6nlichen als auch \u00fcberindividuellen Lichts, das ph\u00e4nomenologisch zugleich weltumspannend ist. Die Wirkung, die der Handlungsanweisung zufolge eintreten kann, ist eine Lichterscheinung, mit der der K\u00fcnstler nicht die naturwissenschaftlich zersplitterte Weltsicht, sondern die Erkenntniswelt eines Goethe herbeizitiert: &#8222;Jene unmittelbare Verwandtschaft des Lichtes und des Auges wird niemand leugnen, aber sich beide zugleich als eins und dasselbe zu denken hat mehr Schwierigkeit.Indessen wird es fasslicher, wenn man behauptet, im Auge wohne ein ruhendes Licht, das bei der mindesten Veranlassung von innen oder von au\u00dfen erregt werde. Wir k\u00f6nnen in der Finsternis durch Forderungen der Einbildungskraft uns die hellsten Bilder hervorrufen. Im Traume erscheinen uns die Gegenst\u00e4nde wie am vollen Tage. Im wachenden Zustande wird uns die leiseste \u00e4u\u00dfere Lichteinwirkung bemerkbar; ja wenn das Organ einen Ansto\u00df erleidet, so springen Licht und Farben hervor.&#8220;[2]<\/p>\n<p>Lichterfahrung kann hier in geistige Energie und Vorstellungskraft umschlagen. Brandt fokussiert die Voraussetzung unserer Wahrnehmung &#8211; und nicht nur die von Kunst. [3] Wahrnehmung ist immer sowohl physiologisch sowie von innerer Imaginationskraft, Lebenserfahrung, Wissen und Kreativit\u00e4t gepr\u00e4gt. In diesem anthropologischen Sinn ist Wahrnehmung von Kunst nur dann m\u00f6glich, wenn Joseph Beuys&#8216; Satz &#8222;Jeder Mensch ist ein K\u00fcnstler&#8220; zutrifft.<\/p>\n<p>Das Werk every human light hat seine Vorl\u00e4ufer in der Konzeptkunst der 70er Jahre. So hat Bruce Nauman sein Werk Body Pressure &#8211; K\u00f6rperdruck (1974) ebenfalls als eine Handlungsanweisung konzipiert. Nauman geht es dabei um eine Selbsterfahrung, die einerseits rein k\u00f6rperlich funktioniert, indem man sich an die Wand presst, andererseits aber auch \u00fcber eine geistige Projektion seiner selbst, indem man sich als Gegen\u00fcber, das von der anderen Seite der Wand entgegendr\u00fcckt, vorstellen soll.[4]<\/p>\n<p>Brandt geht \u00fcber diese reine Selbsterfahrung, die in der Body Art der 70er Jahre eine zentrale Rolle spielt, hinaus. Vor dem Hintergrund der f\u00fcr alle g\u00fcltigen Grundvoraussetzungen stellt sich die Frage nach den wesensgem\u00e4\u00dfen F\u00e4higkeiten von (Kunst-) Produktion und Rezeption. Damit untrennbar verkn\u00fcpft ist eine ethische und humanit\u00e4re Forderung, wie sie auch im Titel anklingt[5]: Das Erscheinende als der Anteil des sch\u00f6pferischen Subjekts wird &#8211; zu Ende gedacht &#8211; in ein intersubjektives Recht transformiert.<\/p>\n<p>Anmerkungen:<\/p>\n<p>[1] Die Form der &#8222;Handlungsanweisung&#8220; findet auch in zahlreichen anderen Arbeiten des K\u00fcnstlers ihren Niederschlag, beispielsweise in der Arbeit Multiples Ma\u00df (Zwei von &#8230;:), Weimar 1999 &#8211; 2000.<br \/>\n[2] Johann Wolfgang Goethe, Entwurf einer Farbenlehre, Einleitung, 1810.<br \/>\n[3] F\u00fcr die Kunstwissenschaft und die Rezeptions\u00e4sthetik gilt: &#8222;Das Sujet der Werke ist das Subjekt, ist die Formung unserer Identit\u00e4t \u00fcber Prozesse der Wahrnehmung und Identifikation.&#8220; Wolfgang Kemp (Hg.): Der Betrachter ist im Bild, K\u00f6ln 1985, S. 23.<br \/>\n[4] Vgl. Friederike Wappler, in: Ich ist etwas Anderes. Kunst am Ende des 20. Jahrhunderts, Kat. Ausst. Kunstsammlung NRW, D\u00fcsseldorf 2000, S. 91.<br \/>\n[5] &#8222;Menschengem\u00e4\u00dfe Kunst mu\u00df erstens: die Zerst\u00f6rung des Menschengem\u00e4\u00dfen verhindern, zweitens: das Menschengem\u00e4\u00dfe aufbauen. Nur das ist Kunst &#8211; und sonst gar nichts.&#8220; (Joseph Beuys)<\/p>\n<p>Katalogtext f\u00fcr die Ausstellung &#8222;personal light&#8220; im Kunsthaus Hamburg (2001) von Dr. Reinhard Spieler<br \/>\nJ.Georg Brandt<\/p>\n<p style=\"text-align: left;\">\n<p style=\"text-align: center;\">\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>every human light Blindenschrift, Bleisatz, Linotype-Offsetdruck, Stimmen, Video Handlungsanweisung I: Schlie\u00dfen Sie die Augen. II: Legen Sie Zeige- und Mittelfinger der linken Hand auf das linke geschlossene Auge und Zeige- und Mittelfinger der rechten Hand auf das rechte geschlossene Auge.Erzeugen Sie Druck auf die unter den Augenlidern verborgenen Aug\u00e4fpel. 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