{"id":1189,"date":"2023-10-25T23:00:04","date_gmt":"2023-10-25T22:00:04","guid":{"rendered":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/?p=1189"},"modified":"2025-10-26T10:46:31","modified_gmt":"2025-10-26T09:46:31","slug":"7-oktober-2023-eine-zaesur","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/?p=1189","title":{"rendered":"7. Oktober 2023: Eine Z\u00e4sur und eine Bankrotterkl\u00e4rung der Kulturszene und der Hochschulen\/Universit\u00e4ten"},"content":{"rendered":"\n<p>Update im Oktober 2025:<br \/>Irrlichternden Linken (leider sehr viele), deren Kompassnadel offensichtlich wild rotiert, empfehle ich die Lekt\u00fcre von Eva Illouz (2025): Der 8. Oktober. Berlin: Suhrkamp.<br \/>Warum w\u00e4hlte Eva Illouz diesen Titel? Weil am 8. Oktober die Reaktion vieler Linker (wieder) zeigte, dass sie Links-sein nicht k\u00f6nnen oder es im Wahn verga\u00dfen. Illouz beschreibt dabei auch die Herkunft solcher linker &#8222;Positionen&#8220;, wobei der Wissenschaftsbetrieb auch nicht sehr gut wegkommt.<br \/>Sollte vielleicht Pflichtlekt\u00fcre sein &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist l\u00e4ngstens Zeit, klare Worte in diesen ambuigen Zeiten zu finden. Worte, die sich weithin auch in einer ambuigen Situation bewegen und diese Ambiguit\u00e4t nicht aufl\u00f6sen k\u00f6nnen, die aber auch eine klare Differenzierung vorzunehmen versuchen.<\/p>\n\n\n\n<p>Der 7. Oktober 2023, das bestialische, amoralische, vollkommen enthemmte und offensichtlich von Menschen ohne jede moralische und zivilisatorische Instanz &#8222;durchgef\u00fchrte&#8220; Massaker der Hamas, das nicht etwa als milit\u00e4rische Operation gegen ein Milit\u00e4r, als Widerstands- oder Befreiungskampf, sondern als Ausl\u00f6schungs- und Terrorhandeln gegen Zivilisten, gegen die Existenz von J\u00fcd:innen und gegen die Existenz des Staates Israel stattfand, ist ein Ereignis, das eine Z\u00e4sur darstellt.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich lese ein paar Beitr\u00e4ge, die unmissverst\u00e4ndlich eine klare Position beziehen &#8211; wenige, die differenzieren, viele die relativieren &#8211; ob bewusst oder unbewusst oder um das eigene Narrativ aufrechtzuerhalten. Der Kultur- und Kunstbereich bedeckt sich derzeit oft in beredtem, widerlichem Schweigen &#8211; oder gibt wachsweiche Erkl\u00e4rungen ab &#8211; oder bekennt sich mehr oder weniger klar zu antisemitischen Haltungen. Und zu oft verorten sich diese &#8222;links&#8220;. Ein naives, inhumanes Schweigen, wie ich es bezeichnen m\u00f6chte.<br \/>Hier empfehle ich die Lekt\u00fcre von <a href=\"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/wp-content\/uploads\/amery_der_ehrbare_antisemitismus.pdf\" data-type=\"attachment\" data-id=\"1139\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Jean Amery &#8222;Der ehrbare Antisemitismus&#8220; von 1969<\/a> &#8211; leider sehr aktuell, was linke, intersektionale, postcolonial, antirassistische und critical whiteness studies betrifft.<\/p>\n\n\n\n<p>Meine Position ist hinsichtlich der eskalierenden Ereignisse in einer Hinsicht glasklar:<br \/>Es geht auch um eine klare Differenzierung, die nicht eine Relativierung bedeutet, was mir im derzeitigen Diskurs teilweise vermischt zu werden scheint:<br \/>Politische und daraus z.B. milit\u00e4rische Handlungen der politischen F\u00fchrung Israels k\u00f6nnen, d\u00fcrfen und m\u00fcssen mit guten Argumenten kritisiert werden. Das betrifft freilich auch die Angemessenheit der Mittel, mit denen Israel sich gegen eine Terrororganisation wehrt, die nach wie vor &#8211; meist ungezielt &#8211; Raketen auf israelisches Gebiet abfeuert, um m\u00f6glichst Zivilist:innen zu t\u00f6ten. Dass hierbei in einigen Statements mit zweierlei Ma\u00df gemessen wird, verwirrt und macht sehr traurig.<\/p>\n\n\n\n<p>Der Vorwurf, Israel w\u00fcrde Menschenrechtsverletzungen begehen, wenn sich Israel und die Menschen gegen barbarische, massakerw\u00fctige Menschen wehren, scheint mir absurd.<br \/>Die mittelalterlich orientierte Hamas hat bewusst und bewusst mittelalterlich brutalst Zivilist:innen gemordet. Israel allerdings warnt Zivilisten in Gaza vor den Bomardements. Dass die Hamas ihre eigene Bev\u00f6lkerung als menschliche &#8222;Schutzschilder&#8220; missbraucht, ist bekannt &#8211; und bedarf dann keiner Kritik? Es gibt auch eine Verantwortung des Schutzes der zivilen Bev\u00f6lkerung. Die Hamas scheint dies nicht umzusetzen und ist daher der Menschenrechtsverletzung schuldig. Die Gr\u00e4uel und die Geiselnahmen sprechen wohl f\u00fcr sich und bed\u00fcrfen keiner weiteren Diskussion \u00fcber die perfide Gewalt.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist das eine, eine politische Kritik an einer bestehenden Regierung zu \u00e4u\u00dfern. Es ist ein anderes, die Agenda der Ausl\u00f6schung aller J\u00fcd:innen zu haben und diese Agenda zu verfolgen &#8211; und diese Tatsache zu ignorieren.<br \/>Wer von einem Genozid seitens Israel gegen die in Gaza lebenden Menschen spricht, blendet bewusst oder vollkommen naiv oder b\u00f6swillig aus, dass Israel sich gegen seine Eliminierung wehrt &#8211; und zwar humaner als die Hamas ihre eigene Bev\u00f6lkerung behandelt (Menschen als Schutzschilde). Wie unten weiter genannt, ist im Gegensatz zur hamasgef\u00fchrten &#8222;Regierung&#8220; die Gesellschaft in Israel sehr divers.<br \/>Im Gegenteil versucht die Hamas laut ihrer Agenda einen Genozid an allen j\u00fcdischen Menschen (wahrscheinlich auch an anderen, ihrem verblendeten Bild einer vollkommen konformistischen, homogenen, identit\u00e4ren Gesellschaft nicht-konformen Menschen) und ist damit eindeutig eine faschistische Bewegung.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Hamas, <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/krieg-terror-israel-hamas-usa-wahlen-gazastreifen-westjordanland-iran-zr-92636387.html\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.fr.de\/politik\/krieg-terror-israel-hamas-usa-wahlen-gazastreifen-westjordanland-iran-zr-92636387.html\" target=\"_blank\">gew\u00e4hlt mit knapp \u00fcber 43 Prozent der Stimmen (2006)<\/a>, hat in einem &#8222;Bruderkrieg&#8220; gegen die Fatah die Kontrolle \u00fcber Gaza \u00fcbernommen. Bis heute gab es keine weitere Wahl (ich enthalte mich einer Kommentierung &#8230;). Verantwortlich f\u00fcr die Versorgung der Bev\u00f6lkerung in Gaza ist die &#8222;Regierung&#8220; in diesem autonomen Gebiet, das nicht von Israel besetzt ist (Israel hat sich 2005 komplett aus Gaza zur\u00fcckgezogen). Etliche Milliarden sind f\u00fcr die M\u00f6glichkeit des Aufbaus eines &#8222;Staatswesens&#8220; geflossen seitens der EU und anderer Akteure. Man h\u00e4tte erwarten k\u00f6nnen, dass die finanziellen Mittel f\u00fcr die zivile Infrastruktur genutzt wurden \u2026<\/p>\n\n\n\n<p>Die Flucht der Zivilbev\u00f6lkerung im Gazastreifen in den &#8222;sicheren&#8220; Teil wird wohl offensichtlich durch die Hamas behindert. Letztlich w\u00e4re das ein Menschenrechtsvergehen, das untersucht werden sollte.<br \/>Dass z.B. \u00c4gypten als angrenzendes, &#8222;befreundetes&#8220; Land keine Aufnahme von pal\u00e4stinensischen Schutzsuchenden anbietet (wie auch nicht Jordanien, das eine erhebliche Anzahl pal\u00e4stinensischer Fl\u00fcchtlinge beherbergt), sondern dies durch drastische Grenzsicherungen verhindert, spricht ebenfalls B\u00e4nde.<\/p>\n\n\n\n<p>Another fact: In Israel wohnen ca. 1,2, nach anderen Aussagen 2 Millionen Pal\u00e4stinenser:innen bzw. Menschen mit arabischem bzw. muslimischem Background. Israel ist eine sehr diverse Gesellschaft, in der sowohl Somalier:innen, Russ:innen usw. usf. leben. Das Argument &#8222;white supremacy&#8220;, was gerne von Verfechter:innen der postcolonial studies u.a. herangezogen wird, zieht hier gar nicht. In Gaza leben dagegen wahrscheinlich mittlerweile nur sehr, sehr wenige J\u00fcd:innen \u2026 Pluralit\u00e4t, friedliches Miteinanderleben und andere sch\u00f6ne Begriffe: Beide Seiten werden hier Defizite aufweisen. Einseitigkeit und &#8222;Eindeutigkeit&#8220; sind Chim\u00e4ren. Im von der Hamas kontrollierten Gebiet d\u00fcrften Genderstern, Doppelpunkt und Binnen-&#8222;I&#8220; sowie entsprechende Rechte kaum gelten, ebensowenig oppositionelle und kritische Stimmen.<\/p>\n\n\n\n<p><strong>Zum entscheidenden Punkt:<\/strong><br \/>Nicht kritisierbar ist die barbarische Gewalt, die sich gegen J\u00fcd:innen und alle mit ihnen verbundenen Menschen Bahn gebrochen hat am 7. Oktober 2023. Diese Handlungen sind nicht kritisierbar, da Kritik bedeutet, dass es ein rechtfertigendes Argument daf\u00fcr geben k\u00f6nnte. Ein Argument f\u00fcr solche Barbarei kann nicht gefunden werden, es sei denn Wahnsinn und Barbarei w\u00e4ren ein Argument \u2026 Wahnsinn, Inhumanit\u00e4t und Barbarei, aus der solche Metzeleien, Massaker und als Agenda formulierte Genozide entstehen k\u00f6nnen, sind krankhaft und bed\u00fcrfen einer psychiatrischen, aber auch einer politischen und religionskritischen Diagnose. Sie sind aber eben kein Argument.<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist eine Handlung gewesen, die nicht mit humanistisch oder politisch zu bewertenden Argumenten zu beurteilen ist, wie dies z.B. der UN-Generalsekret\u00e4r Guterres tat (<em>&#8222;Es ist wichtig zu erkennen, dass die Angriffe der Hamas nicht im luftleeren Raum stattfanden.&#8220;<\/em> Quelle: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/unric.org\/de\/un-generalsekretaer-guterres-kritisiert-israel-verurteilt-aber-auch-die-hamas-scharf\/\" target=\"_blank\">https:\/\/unric.org\/de\/un-generalsekretaer-guterres-kritisiert-israel-verurteilt-aber-auch-die-hamas-scharf\/<\/a> &#8211; Aufruf 27.10.2023), auch wenn er die barbarischen Massaker der Hamas verurteilte. Diese Handlungen liegen jenseits aller menschlichen Werte.<\/p>\n\n\n\n<p>Barbarisch, jenseits jeder zivilisatorischen Werteordnung: Es gibt Werte, die unhinterfragbar sind. Oder mittlerweile unhinterfragbar gewesen sind?<br \/>Jedenfalls sind linke, intersektionale, postcolonial, antirassistische und critical whiteness studies doch davon \u00fcberzeugt, dass es unver\u00e4u\u00dferliche, universelle Menschenrechte gibt? (Ich hege hier einige Zweifel und bef\u00fcrchte eher, dass eine Zersplitterung stattfindet, die die Suche nach Konvivialenz verhindert  &#8211; und sabotiert.) Differenzierte und in der Bedeutung von &#8222;Kritik&#8220; substanzielle Stellungnahmen seitens der Vertreter:innen der Theorien (oder nur: Haltungen?) w\u00e4ren w\u00fcnschenswert.<\/p>\n\n\n\n<p>Bigott kommen etliche daher. Von dieser oben benannten Seite vernehme ich oft, dass die Barbarei der Hamas eine Folge der Geschichte sei &#8211; wenn ich nicht noch Schlimmeres zu lesen bekam. Eine Bankrotterkl\u00e4rung bedeutet dieses Schweigen &#8211; und mehr noch die Relaltivierung &#8211; oder sogar Bef\u00fcrwortung &#8211; der Ereignisse (<a href=\"https:\/\/www.democracynow.org\/2023\/10\/26\/judith_butler_ceasefire_gaza_israel\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">s. auch Judith Butler als Totalausfall einer &#8222;Philosophin&#8220; &#8230;<\/a> &#8211; Aufruf 30.10.2023; <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Juedische-Wissenschaftlerin-Judith-Butler-verurteilt-Israels-Voelkermord-in-Gaza-9348476.html?seite=all\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">\u00dcbersetzung des Interviews<\/a>; Aufruf 30.10.2023).<\/p>\n\n\n\n<p>Die Aussage des UN-Generalsekret\u00e4rs Guetteres, dass <em>&#8222;es [\u2026] wichtig [sei] zu erkennen, dass die Angriffe der Hamas nicht im luftleeren Raum stattgefunden haben. Das pal\u00e4stinensische Volk hat 56 Jahre lang unter einer erdr\u00fcckenden Besatzung gelitten.&#8220;<\/em> m\u00f6chte offensichtlich einen Grund, ein Argument, f\u00fcr die Barbarei des enthemmten, barbarischen Genozidvorhabens der Hamas vorstellen. Allein, es widerspricht nicht nur jeder humanit\u00e4ren Haltung, sondern auch jeder historischen Realit\u00e4t. Hier ist die <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/avalon.law.yale.edu\/20th_century\/hamas.asp\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/avalon.law.yale.edu\/20th_century\/hamas.asp\" target=\"_blank\">Charta der Hamas<\/a> deutlich, in der unmissverst\u00e4ndlich dargelegt wird, dass J\u00fcd:innen zu t\u00f6ten sind und Israel ausgel\u00f6scht werden soll. Frage: Wie kann man auf solcher Grundlage verhandeln? Und was soll in dieser Hinsicht der &#8222;nicht luftleere Raum&#8220; (Guterres) sein?<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Beschwichtigung (das ist sehr, sehr h\u00f6flich formuliert) ist derart relativierend in historischer und aktueller Hinsicht, dass ich davon ausgehe, dass hiermit die Glaubw\u00fcrdigkeit der UN endg\u00fcltig untergraben worden ist (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.ohchr.org\/en\/hr-bodies\/hrc\/current-members\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/www.ohchr.org\/en\/hr-bodies\/hrc\/current-members\" target=\"_blank\">Im Un-Menschenrechtsrat sind etliche als nicht-demokratische Mitglieder ausgewiesen<\/a>). Ist dies versteckter Antisemitismus und latenter Faschismus, der sich hier in diesen \u00c4u\u00dferungen breitmacht? M\u00fcssen wir m\u00f6glicherweise von einem verloren gegangenen moralischen Kompass der UN, aber auch der EU sprechen? Borell (&#8222;Hoher Vertreter der EU f\u00fcr Au\u00dfen- und Sicherheitspolitik&#8220;) spricht von V\u00f6lkerrechtsverletzung durch Israel: <\/p>\n\n\n\n<p><em>&#8222;Israel has the right to defend [itself], but it has to be done according to the right of international law, humanitarian law. Some decisions are against this international law.<br \/>[\u2026] We consider Hamas a terrorist organisation and what they have done shows \u2013 certainly \u2013 that they behave like this. But the Palestinian Authority is another thing. The Palestinian Authority is our partner. We do not deal with Hamas, but yes, we support, we work, and we deal together with the Palestinian Authority. And not all the Palestinian people are terrorists. So, a collective punishment against all Palestinians will be unfair and unproductive. It will be against our interests, and against the interests of the peace.&#8220;<\/em> (Quelle: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.eeas.europa.eu\/eeas\/israelgaza-press-remarks-high-representative-josep-borrell-after-informal-meeting-eu-foreign-affairs_en\" target=\"_blank\">https:\/\/www.eeas.europa.eu\/eeas\/israelgaza-press-remarks-high-representative-josep-borrell-after-informal-meeting-eu-foreign-affairs_en<\/a> &#8211; Aufruf 27.10.2023)<br \/>und:<br \/><em>&#8222;Viel zu viele Zivilisten, darunter auch Kinder, seien get\u00f6tet worden (im Gaza-Gebiet). &#8218;Das verst\u00f6\u00dft gegen das humanit\u00e4re V\u00f6lkerrecht&#8216;, sagt er.&#8220;<\/em> (Quelle: <a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2023-10\/israel-gaza-krieg-bodenoffensive-news-live\" target=\"_blank\">https:\/\/www.zeit.de\/politik\/ausland\/2023-10\/israel-gaza-krieg-bodenoffensive-news-live <\/a>&#8211; Aufruf 28.10.2023)<br \/><\/p>\n\n\n\n<p>Richtig ist an diesen Aussagen, dass jedes Menschenleben, dass durch kriegerische oder terroristische Akte (man muss es in dieser Form ausdr\u00fccken: Kriegerisch und terroristisch), ein unverzeihliches Drama und eine Schande f\u00fcr die Menschheit ist. Dass Borell in besonderer Weise auf get\u00f6tete Kinder in Gaza hinweist, k\u00f6nnte &#8211; es muss nicht, aber die Konnotation ist vorhanden &#8211; auf stereotype antisemitische Vorw\u00fcrfe hinweisen: J\u00fcd:innen, die Kinder ermorden. Ein uraltes, antisemitisches Narrativ, das gerne bedient wurde (und wird?).<\/p>\n\n\n\n<p>Diese Aussage ist durchsetzt mit einem relativierenden &#8222;Aber&#8220;: <em>&#8222;Israel has the right to defend [itself], but it has to be done according to the right of international law, humanitarian law. Some decisions are against this international law.<\/em>&#8222;<br \/>Vergessen wird hier, dass es tats\u00e4chlich zweierlei &#8211; und gerechtfertigterweise zweierlei &#8211; Ma\u00dfst\u00e4be gibt:<br \/>Die Hamas handelt als terroristische, barbarische Organisation, die die Ausl\u00f6schung aller J\u00fcd:innen zum Ziel hat und die eigene Zivilbev\u00f6lkerung dem Tod aussetzt; Israel wehrt sich gegen eine barbarische Terrororganisation, die auf bestialische Weise Menschen mordet &#8211; und warnt Zivilistinnen und Zivilisten in Gaza vor milit\u00e4rischen Aktionen (Zivilist<strong>:<\/strong>innen gibt es unter der Diktatur der Hamas im Gazagebiet nicht: solche werden ausgegrenzt oder hingerichtet).<\/p>\n\n\n\n<p>Last but not least: <em>But the Palestinian Authority is another thing. The Palestinian Authority is our partner. We do not deal with Hamas, but yes, we support, we work, and we deal together with the Palestinian Authority.<\/em>&#8220; Die &#8222;Authority&#8220;, die verantwortliche &#8222;Regierung&#8220;, die Borell (s.o.) anspricht, ist letztendlich die Hamas, die das Gazagebiet kontrolliert &#8230; Politisch scheint hier nicht viel verstanden worden zu sein seitens des &#8222;Chefdiplomaten&#8220; der EU und moralisch scheint ohnehin der Kompass verloren &#8230;<\/p>\n\n\n\n<p>Es ist Zeit, dass sich Pal\u00e4stinerser:innen (etwas absurd, hier zu gendern, da jede Abweichung von den mittelalterlichen &#8211; oder noch weiter zur\u00fcckliegenden &#8211; Dogmen im realen Leben die sichere soziale Herabsetzung, wenn nicht den sicheren Tod bedeuten) gegen die Diktatur der Hamas auflehnen.<br \/>Sollte dies nicht geschehen, muss die Frage erlaubt sein, ob nicht eine Ent-Faschisierung (z.B. durch Bildungsma\u00dfnahmen, die dann nicht in der Hand der Hamas liegen sollten) mit den F\u00f6rdergeldern der EU und anderer Akteure die vordringlichste Ma\u00dfnahme w\u00e4re.<\/p>\n\n\n\n<p>Solange die oben genannte Unterscheidung zwischen enthemmter, barbarischer und jedem humanistischen Wert widersprechender Massaker seitens der Hamas und einer durchaus kritisierbaren Reaktion seitens des israelischen Staates nicht getroffen wird, wird der Alltag von J\u00fcd:innen in Deutschland weiter gef\u00e4hrdet &#8211; und letztlich unser aller Alltag.<\/p>\n\n\n\n<p>Die Geschehnisse am 7. Oktober 2023 waren eineindeutig faschistische Ausl\u00f6schungsvorhaben (<a rel=\"noreferrer noopener\" href=\"https:\/\/avalon.law.yale.edu\/20th_century\/hamas.asp\" data-type=\"link\" data-id=\"https:\/\/avalon.law.yale.edu\/20th_century\/hamas.asp\" target=\"_blank\">s. Charta der Hamas<\/a> &#8211; zwar soll es eine aktualisierte Charta von 2017 geben, die &#8222;nachsichtiger&#8220; sei. Auffindbar ist diese nicht.), die nichts mit &#8222;Widerstand&#8220;, &#8222;Befreiungskampf&#8220;, &#8222;Terrorismus&#8220; oder gar &#8222;Links-sein&#8220; zu tun haben, sondern jedem humanistischen Gedanken widersprechender Haltung und daraus entstehender bestialischer Handlungen entspringen und daher unkritisierbar, da nicht mit einem Argument hinterlegbar, sind.<\/p>\n\n\n\n<p>Gefragt sind hier linke, intersektionale, postcolonial, antirassistische und critical whiteness studies, die sich &#8211; ganz im wissenschaftlichen Sinne &#8211; hinterfragen sollten (Es hilft &#8222;Das Befremden der eigenen Kultur&#8220;, die zu oft g\u00e4nzlich unhinterfragt gepflegt und teilweise martialisch verteidigt wrd).<\/p>\n\n\n\n<p>Dass die Kultur- und Kunstszene bis dato so schweigsam ist &#8211; oder noch unverst\u00e4ndlicher: den barbarischen Massenmord vom 7. Oktober 2023 mit Gr\u00fcnden zu hinterlegen versucht -, ist eine Bankrotterkl\u00e4rung der Kultur- und Kunstszene sondergleichen. Ich dachte bisher, dass gerade in Kultur- und Kunstkreisen die Betrachtung sehr differenziert vorgenommen werde und auch Ambiguit\u00e4t ein hervorragendes &#8211; und f\u00fcr eine Kritik unver\u00e4u\u00dferliches &#8211; Merkmal sei. Weit gefehlt, wie ich konsterniert feststelle.<\/p>\n\n\n\n<p>Nicht gegen Gewalt und nicht gegen eine enthemmte Wahnsinnsbarbarei, die ideologisch verbr\u00e4mt die Ausl\u00f6schung einer der kleinsten Minderheiten der Welt zum Ziel haben, Stellung zu beziehen, ist der Zusammenbruch der Kultur- und Kunstszene. Die Kultur- und Kunstszene ist nicht mehr ernstzunehmender Akteur in Sachen Menschenw\u00fcrde und Menschenrechte oder in Sachen gesellschaftlicher Angelegenheiten &#8211; vielleicht noch B\u00fcttel von Interessen und mainstreamigen &#8222;Haltungen&#8220;, nicht aber mehr eigenst\u00e4ndig in dem Sinne, dass Kunst und Kultur ihre autonomen und heautonomen (Lingner) und au\u00dferordentlich differenzierenden Sichtweisen unabh\u00e4ngig und jenseits von Schwarz und Wei\u00df vertreten. Kunst ist heute offensichtlich und leider tot in diesem Sinne (Bestes Beispiel die HfbK Hamburg, die zwei eindeutig antisemitisch eingestellte Kurator:innen der <em>documenta fifteen<\/em> als Gastprofessor:innen angeheuert hatte &#8230;).<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wahnsinn solcher kriegerischer Taten und menschenrechtsverletzender Taten gegen die eigene Bev\u00f6lkerung ist auf allen Ebenen und allen Seiten eine Bankrotterkl\u00e4rung des Menschseins &#8211; ob es der Krieg Russland &#8211; Ukraine ist, der Krieg im Jemen (erinnert sich da jemand?), Armenien &#8211; Aserbaidschan, T\u00fcrkei &#8211; Kurden, ISIS &#8211; Jemeniten, China &#8211; Uiguren, China &#8211; Tibet, Iran &#8211; Frauenrechte, Iran &#8211; Israel, Saudi-Arabien &#8211; Jemen, Saudi-Arabien &#8211; kritische Opposition, Katar &#8211; Jemen, Katar &#8211; Menschenrechte; die Liste ist unvollst\u00e4ndig und leider extrem verl\u00e4ngerbar.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich mache weiter, aber ohne solches Gebaren eines unreflektierten und undifferenzierten Kunst-, Kultur- und Wissenschaftsbetriebs. Und ohne einen solchen &#8222;Haltungskomplex&#8220; bzw. eine solche Naivit\u00e4t.<\/p>\n\n\n\n<p>Ich empfehle &#8211; wie oben bereits verlinkt &#8211; politisch verantwortlich Agierenden sowie &#8222;Kulturschaffenden&#8220; die Lekt\u00fcre von <a href=\"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/wp-content\/uploads\/amery_der_ehrbare_antisemitismus.pdf\" data-type=\"attachment\" data-id=\"1139\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">Jean Amerys &#8222;Der ehrbare Antisemitismus&#8220; von 1969<\/a> &#8211; aktuell wie damals.<\/p>\n\n\n\n<p><\/p>\n\n\n\n<p>Nachtrag: In den einstimmigen Chor der &#8222;kalten&#8220; Relativierer:innen hat sich explizit auch &#8211; leider &#8211; Judith Butler eingereiht, die eine intellektuell beschr\u00e4nkte Sichtweise beweist. Butler scheint gefangen in einer Art ideologischem Rahmen, den sie zu \u00fcberschreiten nicht in der Lage zu sein scheint. Die Tragweite und die singul\u00e4re Monstrosit\u00e4t des 7. Oktober scheint sie in ihrem ideologischen Korsett nicht begriffen zu haben:<br \/>Originalinterview: <a href=\"https:\/\/www.democracynow.org\/2023\/10\/26\/judith_butler_ceasefire_gaza_israel\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.democracynow.org\/2023\/10\/26\/judith_butler_ceasefire_gaza_israel<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Deutsche \u00dcberwsetzung: <a href=\"https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Juedische-Wissenschaftlerin-Judith-Butler-verurteilt-Israels-Voelkermord-in-Gaza-9348476.html?seite=all\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/www.telepolis.de\/features\/Juedische-Wissenschaftlerin-Judith-Butler-verurteilt-Israels-Voelkermord-in-Gaza-9348476.html?seite=all<\/a><\/p>\n\n\n\n<p>Doch gibt es auch besonnene und differenzierte Positionen: <a href=\"https:\/\/taz.de\/Essay-zum-Angriff-der-Hamas\/!5967960\/\" target=\"_blank\" rel=\"noreferrer noopener\">https:\/\/taz.de\/Essay-zum-Angriff-der-Hamas\/!5967960\/<\/a> [Aufruf 04.11.2023]<br \/><\/p>\n\n\n\n<p><br \/><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Update im Oktober 2025:Irrlichternden Linken (leider sehr viele), deren Kompassnadel offensichtlich wild rotiert, empfehle ich die Lekt\u00fcre von Eva Illouz (2025): Der 8. Oktober. Berlin: Suhrkamp.Warum w\u00e4hlte Eva Illouz diesen Titel? Weil am 8. Oktober die Reaktion vieler Linker (wieder) zeigte, dass sie Links-sein nicht k\u00f6nnen oder es im Wahn verga\u00dfen. Illouz beschreibt dabei auch&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[1],"tags":[13],"class_list":["post-1189","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-allgemein","tag-offentliche-angelegenheiten"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1189"}],"version-history":[{"count":33,"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1242,"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1189\/revisions\/1242"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1189"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1189"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/ambulanz.kunststelle.de\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1189"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}